sonntagszeitung-monah-bendy_ch

Mein Mann und ich haben uns via Twitter & Blog kennen gelernt. Wer gern etwas mehr über unsere digitale Liebe erfahren möchte darf dies gerne nachlesen:

«Zersch SMS, denn es E-Mail»

Zwei Menschen verlieben sich Hals über Kopf via Facebook und Twitter – doch sie fürchten sich zunächst vor der Beziehung in der Offline-Welt

Von Barnaby Skinner alias @BarJack

Im Internet fällt die Liebe dorthin, wo sie will. Nicht notwendigerweise bei Online-Vermittlern wie Parship oder Edarling, wo einsame Herzen systematisch nach dem Partner fürs Leben suchen.

Das liegt daran, dass das Web zunehmend von Menschen aus Fleisch und Blut bevölkert wird, nicht mehr nur aus kühlen Websites besteht. Social-Media-Nutzer verraten bei Facebook, Twitter und Co. nicht nur Werbern Intimes, damit diese ihnen Passendes vorsetzen können. Sie gestalten auch Online-Persönlichkeiten, die so greifbar werden, dass sich andere in sie verlieben.

So geschehen bei Ramona Hinnen, 29, und Luke Sorcelli, 29, beide aus der Umgebung von Zürich. Sie erlebten gar das Glück, dass sie sich gegenseitig ineinander verliebten. Sie, Marketing-Managerin, und er, Softwareentwickler, lernten sich via Twitter kennen. Rein zufällig. Ramona sagt heute: «Sein Sinn für Humor, sein Interesse an Comics und Nintendo-Kram kombiniert mit seiner Wortgewandtheit machten ihn sehr spannend.» Und Luke: «Mich hat ihre frische Art begeistert. Ihre beiden Fotos auf dem Blog und dem Twitter-Avatar haben das Ihre zum Hach-Effekt beigetragen.» Heute sind die beiden ein Paar, teilen glücklich die Wohnung.

Doch der Anfang war schwer. Aus einem lockeren Flirt wurde schnell tiefe Zuneigung. Allerdings nur virtuell. Alles begann damit, dass @bendy_ch alias Luke Sorcelli der damals unbekannten Twitter-Nutzerin @monah alias Ramona Hinnen vorschlug, die Froot Loops von Nestlé morgens nicht mit Milch, sondern mit Wasser zu trinken, was @monah mit «Wäääääh!» abschmetterte.

Bald schrieben sie sich täglich. Zuerst öffentliche Mitteilungen via Twitter. Dann, als sie intimer werden wollten, private Tweets. Später tauschten sie Handynummern aus, um mit Whatsapp noch näher beieinander zu sein. Schliesslich befreundeten sie sich auf dem privatesten aller Netzwerke: Facebook. Hier wurden aus Mitteilungen lange Liebesbriefe. Manchmal drei pro Tag.

Doch abgesehen von einem gelegentlichen Treffen blieb alles virtuell. Denn so sehr sie sich gegenseitig anzogen, trauten sie ihren Gefühlen ausserhalb von Facebook nicht.

Sie haben der SonntagsZeitung Einblick gegeben in ihren frühen Facebook-Austausch, als ihnen das Profilbild des anderen vertrauter war als das wahre Gesicht. Die Lektüre des gekürzten Liebes-Chats lässt tief blicken in das moderne Unbehagen über das Verhältnis von virtueller Realität und Wirklichkeit.

Ramona beginnt die Unterhaltung auf Facebook: «I schwebe grad inere Traumblase und ha eifach Angst, dass si gly ?blopp? macht.»

Luke: «I gseh, dir gohts ähnlich wie mir. Eifach da stoh und das Flämmli aluege. Gniess jede Moment in dere Traumblase und heb kei Angscht.»

Ramona: «Würd so gern dini Stimm ghöre.»

Luke: «Stimm ghöre wird chli schwierig, bin amene Family-Schluuch.»

Ramona: «I ha chli Angst, dass eus d Realität zrugg of de Bode holt. I han Schiss, dich zgseh.»

Luke: «Ich han dini Nachricht immer und immer wieder gläse. Du hesch es richtig beschriebe. Mir hän beide e idealisierti Vorstellig vom andere, wo sich villicht nid ganz mit dr Realität deckt.»

Ramona: «Grad ufgstande und zerscht ganz truurig gsi, dass i kei Nachricht han, bis i abgscrollt han und din Avatar gseh han. »

Luke: «Im Hintergrund lauft F1, aber eigentlich träum ich vo Dir. Kriege s Renne gar nid mit. Gange uff die fünfi in Biergarte, hend Teamsitzig vo Tillate. Nochher wartet no en Trocheruum voll Wösch uf mich *bäääh*.»

Ramona: «Weg hüt Zobig. I gang so oder so uf Baden. Würd di gern no gseh. So schnell wie möglich. Villicht merkemer denn, dass da nüt isch. Und mer chönds Zundhözli ablösche.»

Luke: «Won i richtig Treffpunkt gloffe bin und die Lüüt gseh han, hani scho dänkt, mir verpasse is. Won mi umdreht han und du vor mir gstande bisch. Ich ha mich eifach gefreut. Hätt dich am liebschte umarmt, dich druckt, und ghebt.»

Die US-Psychologin und Technologieexpertin Sherry Turkle, die für ihr Buch «Verloren unter 100 Freunden» Hunderte Jugendliche befragt hat, würde darauf verweisen, dass Lukes Verhalten in ein Muster passt. Anstatt zu handeln oder das direkte Gespräch zu suchen, würden Smartphone-Nutzer, vor allem Jugendliche, per Whatsapp oder Chat kommunizieren. Statt Gespräche zu führen, dominiere heute eine Kultur der Schrift.

Zwischen Ramona und Luke wird es nach dem Treffen sehr still. Verunsichert nimmt Ramona nach sechs Tagen den Chat wieder auf: «I han mi vor dir chli distanziert, will du 24 Stunden rund um d Uhr i mine Gedanke gsi bisch. Euses Treffe het mer irgendwie zeiged, dass es en Flirt isch, und i gseh bi eus im Moment au ned meh als das. Es chlises Gheimnis, wo mer eus ab und an chli vo de Gegewart chönd wegschliche.»

Luke: «Es isch es Geheimnis, wo uns de Wäg in e anderi, unbeschwerti Wält öffnet, au wenns nur für e paar Minute isch. Ich han nie erwartet, dass mir uns in d Arme falle, zämme durebrenned und in Sonnenuntergang rite.»

Nun folgen in den Facebook-Aufzeichnungen mehrheitlich abgedunkelte Passagen. Ein paar Tage findet via Facebook gar keine Kommunikation statt. Ramona ändert ihr Profilbild vom Comicbild in ein Foto ihres Gesichts. Das Gespräch wird ernsthafter und wechselt auf Hochdeutsch.

Luke: «Ich werde nicht versuchen, mich dir als Mann deiner Träume zu verkaufen. Ich kann nur zeigen, was ich bin.»

Nun stattet auch Luke sein Facebook-Profilbild mit einem neuen Avatar aus. Homer Simpson hat ausgedient. Stattdessen erscheint dort eine bärtige Comic-Imitation seines Gesichtes.

Luke: «Sorry, dass ich dich angeschwiegen habe. Deine Zeilen waren die Kirsche auf der Torte.

Ramona: «Wir werden wohl die ewigen Seelen sein, die nur in einer Traumwelt zusammenleben.»

Luke: «Erzähl mir mehr von dieser Welt, ich will mit dir darin abtauchen.»

Wieder folgen abgedunkelte Facebook-Mitteilungen. Doch ohne Zweifel kamen sich Luke und Ramona in dieser Zeit wieder näher. Denn plötzlich folgt ein seitenlanges Liebesgeständnis von Ramona. «Die grösste Sorgfalt lass ich walten», schrieb sie, «versuche ohne Druck für dich da zu sein, in der Hoffnung, dass die Tagträume irgendwann zur Realität werden.»

Und dann: «Doofe Frage, aber fällt das deinen Freunden nicht langsam auf, dass du sehr viel von mir postest oder likest? Ich finds ja schööööön.»

Luke: «Bei den Tweet-up-Bildern bin ich ja schliesslich drauf.» Ein Tweet-up ist ein reales Treffen von Nutzern des sozialen Netzwerks Twitter, die sich sonst nur aus dem Internet kennen. «Beim Kubb-Event war ich nur höflich mit der Absage, und dein Blog ist bei mir in der Umgebung sowieso gern gelesen.»

Das Gespräch wird unbeschwerter und wechselt wieder auf Schweizer Dialekt.

Ramona: «Zerscht es SMS. Denn es Mail. Mit Comment. Denn Facebook-Nachricht. Multichannel-Beziehig. I love it.»

Luke: «Mir sin halt Multi-homed. Wenn ei Channel absuft, wechslä mer uff dr nächscht.»

Wenig später veränderten beide ihren Facebook-Status von «Single» auf «In einer Beziehung». Ihre Beziehung leben sie mittlerweile auch in aller Öffentlichkeit aus. Obwohl sie zusammenleben, liest man in ihren Twitter-Konten Sachen wie:

Luke: «:-P» (Ein Smiley, um dem anderen die Zunge zu zeigen).

Ramona: «Selber :-P #Spiegel.»

Luke: «Was ätsch. #Gummispiegel.»

Ramona: «Und übrigens, Kreditkarte-Nummere düänd sich ned vo selber ine Bstellprozess ineschliche… #macbookair.»

Kommunizieren Ramona und Luke online heute also noch immer so viel und oft im Web wie zu Beginn ihrer Bekanntschaft? «Wir können auch nebeneinander mit den Laptops vor dem TV sitzen und uns Herzchen via SMS schicken», sagt Ramona. «Gelegentlich richten wir uns schon digital-freie Tage ein. Ja das klappt! Wenn es auch etwas gewöhnungsbedürftig ist.»

Publiziert am 23.12.2012
von: sonntagszeitung.ch

Beitrag als PDF

monah

Mein Name ist Monah Sorcelli.
Hier schreibe & filme ich über Gedanken, Geistesblitze, coole Gadgets, hilfreiche Tools und Dinge die das Leben neuer machen!

Viel Spass und <3-lichen Dank fürs lesen & Kommentieren!

Comments

comments